
Seit wie vielen Stunden war sie nun schon auf den Beinen? Sie wusste es nicht mehr. Seit ihrer Flucht aus ihrer Heimat hatte Marie jedes Gefühl für Zeit verloren. Sie beschloss, sich einen Moment an die große Eiche zu setzen, die nicht weit vor ihr am Rande des Weges auftauchte. Erst als sie sich geschwächt am Fuße des Baumes niederließ, wurde ihr allmählich klar, das es nie wieder so sein würde wie früher…
Marie ist eine Elandili, eine Halbelfe, entstanden aus der ungewöhnlichen Liebe der Menschenfrau Keyla und des Dunkelelfs Nim’maron zueinander. Eine solche Verbindung hatte man auf der Welt noch nicht gesehen…und das ließ man sie spüren. Die Menschen mieden sie, die Dunkelelfen hassten sie. Man begegnete ihnen mit abwertenden Blicken und ängstlichen Drohungen. So kam es, dass die Liebenden mit ihrem Kind in die Stille und Abgeschiedenheit des Berges Rhun’orod flohen. Harmonie und Frieden wurden alltäglich… doch die Zukunft war der kleinen Familie nicht gut gesonnen. Eines Tages brach Krieg im Land aus, der auf dem Hass der verschiedenen Rassen aufeinander beruhte. Nim’maron entschloss sich, als Botschafter zwischen den Parteien zu vermitteln. Mit Hoffnung, Liebe und der Entschlossenheit etwas zu ändern ging er fort. Marie und ihre Mutter blieben zurück, die Ausläufer der Schlachten erreichten Rhun’orod nicht. Nach dem Ende des Krieges, hoffte Keyla auf ein Wiedersehen mit Nim’maron. Sie sollte ihn nie wiedersehen.
Viele Jahre gingen ins Land, Marie wuchs zu einer jungen Elfe heran… doch anders als die Elfen, haben die Menschen ein geringes Lebensalter. Keyla alterte und war schon bald eine gebrechliche Greisin. Marie beschloss, einen der gelehrten Istari aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitten, doch sie musste bald erfahren, dass die Gesetze des Lebens nicht zu ändern sind, mit keiner Magie der Welt. Er konnte ihr nicht helfen, niemand konnte helfen. Keyla starb.
In dieser Nacht brach für Marie eine Welt zusammen. Sie war allein, verlassen von den Menschen, die sie liebte und von denen sie das Geschenk der Liebe erfahren hatte. Viele Tage und Nächte wachte Marie am Grab ihrer Mutter an der Spitze des mächtigen Berges. Licht und Schatten zogen an ihr vorbei. Eines nachts, als ihre Tränen nicht versiegen wollten, flüsterte ihr eine zarte, beruhigende Stimme wunderschöne Worte zu. Es war der weise, alte Mond der Mitleid mit Marie hatte und zu ihr sprach:
Die Kälte der Nacht ist mir gegenwärtig, sie hüllt alles in ein sanftes Schweigen und vermag sogar einen fröhlich plätschernden Bach, der vital und voller Leben von einem Berg rinnt, erstarren zu lassen. Und rückt eine leichte Brise die Wolken beiseite und enthüllt den Mond, legt sich sanftes, weiches Licht wie ein Nebelschleier über die Berge und Täler und alles strahlt und funkelt friedlich. Jene Nächte sind meist die schönsten, aber auch einsamsten. Auch ich erlebte schon viele solche Nächte und wünschte mir sehnsüchtig jemanden der bei mir ist und mir das Gefühl der unendlichen Leere nimmt. Bisher ist leider noch nichts dergleichen geschehen, doch mit Zuversicht und Hoffnung erkenne ich in dir eine Gefährtin. Wenn es meine Bestimmung ist die Nacht und ihre Schönheit mit dir zu teilen, dann soll es so sein.
Marie war gerührt von diesen Worten. Sie war nicht mehr allein. Sanft berührte sie ein Gefühl von Wärme und innerer Stärke, geschickt von der alten Macht des Mondes in der Unendlichkeit der Nacht. Von wundervollen Sternenstaub berührt, umarmt vom Schein der Nacht, ergriff sie neuen Mut. Plötzlich geschah etwas mit Marie. Im warmen Sternenmeer tat sich ein helles Leuchten in ihr auf. Träume, Gedanken und Erinnerungen gaben ihr Hoffnung. Sie durfte sich nicht aufgeben. Hier konnte sie nicht bleiben und so machte sie sich auf den Weg ins Ungewisse….
Marie schreckte auf… wie lange hatte sie geschlafen? Es war bereits Nacht. Die Blätter der großen Eiche wiegten sanft im Wind. Sie spürte neue Kraft durch ihren Körper fließen und raffte sich auf um ihre Suche fortzusetzen. Plötzlich sah sie vor sich, zwischen den Büschen und Sträuchern, ein Feuer. Als sie sich näher herangeschlichen hatte, erkannte sie, dass es ein Lagerfeuer war. Marie hörte die fröhlichen Stimmen der Menschen die sich dort unterhielten und musste an ihre Mutter denken, die wenn sie nicht schlafen konnte, lebhafte Geschichten aus aller Herren Länder erzählt hatte. Sie fasste sich ein Herz und trat aus dem Schutz des Waldes auf die Gruppe zu. Sie hatten sie mittlerweile bemerkt und schauten alarmiert die junge Elfe an. Marie blieb augenblicklich stehen… waren sie ihr nicht gut gesonnen? Hatte sie einen Fehler begangen, so unvorsichtig zu sein? Eine wunderschöne, majestätische Elfe mit langem gewellten Haar trat vor und begrüßte sie freundlich. Das musste die Königin dieses Landes sein, was ihr auch später bestätigt wurde.
Xiue, so ihr Name, bot ihr an sich mit an das wärmende Feuer zu setzen. Sie nahm dankbar an. Erst bei näherer Betrachtung fiel ihr auf, dass dort nicht nur Menschen am Feuer saßen. Elfenvolk, Magier, Einhörner, Menschen…alle saßen sie im engsten Kreise beisammen. Marie war überwältigt. Hier wollte sie bleiben, hier fühlte sie sich wohl. Sie hatte ihr Ziel erreicht…ein neues zu Hause, ein zu Hause mit liebevollen Menschen. Die Einsamkeit wich von ihr. Marie strahlte vor neu gewonnenem Gefühl des Lebens…ein Leben in Sukhareva, dem Elfenland.