Ein vermeintlich neues Zuhause (Mai 2008)

Xiue überlegte die Regentschaft an ihre Schwester zu übergeben und mit ihrem Liebsten nach Araglaur Gûrtrann zu ihrer Tochter zu ziehen. Aramaki war schon mit allem Gepäck vorgereist und nun war es an der Zeit, dass sie sich auf den Weg machte.

Schillernd kräuselten sich die Wellen unter den Füßen der Elfe, als sie zur Landung ansetzte. Die Sonne erhob sich majestätisch aus dem tiefen Blau des Meeres. In Xiues Augen spiegelte sich der gelbe Feuerball wider und es schien, als wenn es das Leuchten ihres Herzens war. Bald würde sie ihre Familie in die Arme schließen können. Mit pochendem Herzen betrat sie den weißen Strand. Sie spürte wie die Kraft Amazoniens jede Faser ihres Körpers durchflutete. Die Elfe atmete tief ein und genoss den leicht rauen Wind, der ihr durchs Haar fuhr. Es war das erste Mal, dass sie dieses Land als ihre neue Heimat betrat.

Lange stand sie dort und schaute aufs Meer hinaus, dachte über ihre Vergangenheit und die Zweifel nach, die ihre Gedanken wie die Wellen des Meeres in Wallung brachten. Salzige Luft durchfuhr ihre Lunge und ihre Nasenflügel bebten bei jedem Atemzug. Leicht hob sie den Kopf und ihre Pupillen verkleinerten sich. Ein Gefühl der Zuversicht erfasste ihr Herz.

Sie straffte ihre Schultern und ging Richtung Marktplatz. Dort sah sie in der Ferne den Seraphim, der sich mit einigen Amazonen unterhielt. Da war es wieder… dieses sehnsüchtige Gefühl, das ihr kleines Herz so sehr in Besitz nahm, seit sie Aramaki von seinem gebrochenen Herzen geheilt hatte und ihre beiden Seelen miteinander verbunden waren. Xiue seufzte und schloss ihren Seraphim glücklich in die Arme. Unter dem Geleit der Amazonen machten sie sich auf den Weg nach Araglaur Gûrtrann.

Stolz und schön erstreckte sich das weite Land Amazonien. Die Elfe wanderte mit neugierigen Augen über jeden Baum und jeden Strauch. Obwohl ihr alles so vertraut erschien, wirkte gleichzeitig alles so neu für sie. Würde sie hier wirklich glücklich werden? Wieder mit diesem mulmigen Gefühl im Bauch, stand sie schließlich vor dem Eingang von Araglaur Gûrtrann. Friedlich grasten die Rehe zwischen den Bäumen und die Bienen summten emsig in der Ferne. Xiue fasste sich ein Herz und trat durch das steinerne Tor. Ein kleiner Schritt, der in der Elfe eine Flut von Gefühlen auslöste. Tief in ihrem Innern war noch die Liebe zu ihrem alten Land verwurzelt und wurde konfrontiert von dem Wunsch mit ihrer Familie zusammen zu sein. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Xiue schluckte und wischte die Tropfen fort, die über ihre Wangen rannen. Die Elfe versuchte sich zur Ruhe zu zwingen, doch sie war einfach zu überwältigt von all den neuen Eindrücken. Neue Tränen glitzerten in ihren Augen.

Malerisch und zauberhaft schön war Araglaur Gûrtrann. Staunend und mit offenem Mund schaute sich die kleine Elfe um. Der Hausbaum der Elfen stand erhaben wie ein Wächter inmitten der Bäume und legte seinen großen Schatten über das Land. Goldenes Wasser plätscherte aus rauem Gestein und Blumen übersäten das weiche Moos des Waldbodens. Xiue wanderte wie benommen durch die schöne Landschaft, alles erschien ihr wie ein Traum…

Die Elfe nahm den Zauber dieses Landes mit allen Sinnen wahr – den würzigen Geruch der Wiesenkräuter, das Zwitschern der Vögel, die auf den Ästen munter umherhüpften und die sanfte Briese, die ihr Gesicht umspielte. Doch der wahre Schatz dieses Landes stand mit einem Male vor ihr: Es war ihre geliebte Familie. Xiue wurde mit einer stürmischen Umarmung begrüßt. Überglücklich schloss sie ihre Tochter und die beiden Enkelinnen in ihre Arme. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen und Xiue wünschte sich, dieser Augenblick würde ewig währen.

Xiue verbrachte seit ihrer Ankunft eine wundervolle Zeit mit ihrer Familie und die Tage vergingen wie im Fluge.

Die Elfe unternahm in den darauffolgenden Tagen noch einige Reisen in ihr altes Land, doch wurden sie mit der Zeit immer weniger. Der Aufbau des neuen Landes neigte sich langsam dem Ende zu. Neugierige Amazonen und Reisende aus fernen Ländern bestaunten die Schönheit von Araglaur Gûrtrann.

Allmählich kehrte der Alltag ins Elfenreich ein. Xiue nahm mit Elan ihre neuen Aufgaben in Araglaur Gûrtrann wahr. Candia, die Weise, stand ihr mit Rat und Tat zur Seite. Xiue war von Tag zu Tag erstaunter über die Weisheit ihrer geliebten Ratgeberin. Ihre Tochter war wirklich erwachsen geworden.

Eines Morgens, der Tau rann noch von den Blättern und die Blumen reckten ihre Köpfchen Richtung Lichtstrahlen, die sich wie feine goldene Fäden durch das Blätterdach des Waldes zogen. Xiue stand wie jeden Morgen auf der Spitze des Hausbaumes und schweifte mit ihren Blicken über Amazonien. Ihre Gedanken reisten in die Ferne und berührten fast das Meer, als sie plötzlich ein leises Flüstern vernahm. Was war das? Doch so schnell wie das Flüstern gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Die Elfe schnappte erschrocken nach Luft. Sie fühlte eine unerklärliche Schwäche in sich. Doch tat sie die Erfahrung mit einer Handbewegung als Einbildung ab und dachte nicht weiter darüber nach.

Die darauffolgenden Tage verliefen ruhig. Beim Feuergespräch bei den Amazonen gab es vieles zu erzählen. Es wurde verkündet, dass der Elfenrat Xiue zur neuen Königin von Araglaur Gûrtrann ernannt hatte. Nun war es also offiziell. Die Elfe fühlte die Freundschaft, die ihr die Amazonen entgegenbrachten. Xiues Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht – sie alle hatte die Elfe in ihr Herz geschlossen.

Aramaki, Xiues Herzensverbundener, begab sich am Morgen darauf auf eine längere Reise. Xiue spürte wie ihr Herz krampfte. Der Abschied fiel ihr sehr schwer, doch fasste sie die Zuversicht, dass er bald zurückkehren würde. Um auf andere Gedanken zu kommen, spazierte Xiue als Einhorn getarnt durch Amazonien und sah plötzlich in der Taverne eine Wölfin vor sich liegen. Die Königin der Elfen zitterte am ganzen Körper. Angstschweiß perlte ihren Körper herab. Doch was war das? Die Wölfin blieb friedlich und machte nicht einmal Anstalten, sie fressen zu wollen. Xiue wurde langsam ruhiger. Der Fluchtinstinkt, der in Einhorngestalt, besonders stark war, verflüchtigte sich. Beide beschnupperten sich neugierig und Xiue unterhielt sich eine Weile mit ihr. Die Elfe konnte es nicht fassen – ein so friedliches Wesen hier in Amazonien? Kopfschüttelnd und ungläubig kehrte sie bald darauf in ihr Elfenreich zurück.

Am nächsten Morgen ging Xiue durch den Wald und setzte sich in das weiche Gras. Sie öffnete ihren Geist und spürte wie das Leben um sie herum pulsierte – die Ameisen unter dem Gras, die Schmetterlinge, die gierig den Nektar aus den Blüten schlürften und das atmende Grün des Waldes. Jedes Wesen und jede Pflanze schien zu leuchten, jedes in einer anderen Farbe. Xiue war erfüllt von Freude als sie die Vielfalt des Lebens wahrnahm. Ihre leichte Niedergeschlagenheit verflog und Xiue tastete mit ihrem Geist weiter nach den Auren, die in ihrer Nähe waren. Da spürte die Elfe etwas, das ihre Aufmerksamkeit auf sie zog. Etwas sehr mächtiges, unbekanntes. Xiues Flügel zitterten. Sie spürte den uralten Zauber, der ihren Geist mit Macht an sich zog. Ein Flüstern, wie das Rauschen eines Wasserfalls, wurde lauter… doch Xiue verstand die Worte nicht. Die Königin wehrte sich, versuchte wieder aus ihrer Trance zu erwachen. Ihre Energie entwich immer mehr aus ihrem Körper, strömte zu der unbekannten Kraft. Xiue fühlte sich benommenund ihr Herz raste vor Angst. Mit einem verschluckten Schrei brach die Elfe bewusstlos zusammen.

Maryan fand ihre Omi, als sie gerade wieder erwachte. Die kleine Amazone war völlig in Sorge. Mit wackeligen Beinen umarmte Xiue ihre Enkelin. Maryan war völlig in Tränen aufgelöst und Xiue versuchte sie mit sanfter Stimme zu beruhigen. Die Elfe fragte sich, was geschehen war, doch ihre Erinnerung war vage. Sie erinnerte sich nur noch an dieses Flüstern und wie sie dabei schwächer wurde.

In den darauffolgenden Tage häuften sich die Vorfälle, wenn sie meditierte und Xiue war in großer Sorge. Doch um ihre Familie nicht zu sehr zu beunruhigen, versuchte sie es zu verheimlichen.

Die Elfe war froh, dass ihre Freundinnen aus Amazonien sich um sie kümmerten und ihr Gesellschaft leisteten.

Als sie gedankenverloren durch Amazonien streifte, traf sie auf Sam, doch sie war so benommen, dass sie die Amazone nicht gleich wahrnahm. Sam machte sich große Sorgen und Xiue platzte mit der Wahrheit heraus. Sie erzählte, dass langsam ihre Zauberkräfte versagten und ihr nicht einmal mehr eine einfache Verwandlung in einen Teil ihrer Selbst gelang. Xiue war zu einer Hälfte ein Einhorn und es war einfach für sie, diese Gestalt anzunehmen. Doch nun, wo ihre Kraft sie derart verließ, schaffte sie nicht einmal das. Sam warnte die Königin vor den Rebellen und geleitete sie in ihr Elfenreich zurück.

Xiues Freunde kamen in diesen Tagen zu Besuch und lenkten die Königin mit ein paar Zauberspäßchen ab. Maryan aber machte sich Sorgen um ihre Omi. Xiue hörte nun das Flüstern auch ohne zu meditieren und ihre Zauberkraft war bereits gänzlich erloschen. Die Elfe vergaß in dem Moment ihren Kummer und neckte mit ihren Freunden herum, als sie plötzlich wieder dieses Flüstern vernahm. Xiue spürte die starke Anziehungskraft, die ihren Geist von ihrem Körper zu trennen schien. Die Königin der Elfen hatte langsam keine Kraft mehr, sich dagegen zu wehren. Das Flüstern vieler Stimmen hallte durch die Dunkelheit in ihrem Innern – undeutlich und furchteinflößend.

Das Stimmengewirr schien sich diesmal zu einem Chor zu vereinen. Tief grollend und mit donnerndem Rauschen vernahm sie den Ruf: „Xiue Elnaira Yalin…“ Xiue hielt den Atem an. Wer rief sie da? Wie ein reißender Strudel versuchte die Kraft sie zu sich zu ziehen. Xiue atmete schwer und ihr Herz pochte wild. Sie fürchtete sich vor dieser uralten Kraft. Die Elfe biss sich schmerzerfüllt auf ihre Lippen, mobilisierte ihre letzten Reserven, um ihren Geist zurückzuziehen. Erschöpft brach sie zusammen. Die große Besorgnis ihrer Freunde vernahm sie nicht mehr. Xiue war in einen tiefen Schlaf gefallen.

Maryan bat den Beschützer der Elfen Xiue in ihre Gemächer zu tragen. Vorsichtig brachte er die Königin nach oben und legte sie behutsam auf ihr Bett.

Die kleine Enkelin legte sich neben ihre Omi. Sie schluchzte leise und überlegte, ob sie die Heilerin der Amazonen holen sollte. Tränen kullerten ihre Wangen herunter. Xiue umarmte ihre Enkelin unbewusst. Die Elfe schlief nun ruhiger und Maryan kuschelte sich eng an ihre Omi.

Die Weise Candia, merkte immer mehr wie ihre Mutter schwächer wurde, besonders als ihre Tochter ihr erzählte was geschehen war, während sie nicht da war. Sorgenvoll rief Candia den Rat zusammen, in der auch ihre Mutter, die Königin war. Man beratschlagte sich was zu tun sei um das mögliche Unheil abzuwenden. Als dann auch noch eine Hilferuf aus ihrer alten Heimat sie während der Versammlung erreichte wurde entschlossen das es sicherlich ratsamer war das Xiue wieder dorthin zurückkehrt. So würden zwei Sorgen zu gleich von der Königin abfallen. Als der Tag des Abschiedes nahte, wurde es Candia eng um ihr Herz und die Tränen stiegen ihr unaufhaltsam in die Augen. Liebevoll umarmte sie ihre Mutter und sie versprachen sich gegenseitig mit Brieftauben stets in Kontakt zu bleiben. Viel Zeit ist seither vergangen, Candia hatte die Regentschaft über das Elfendorf Araglaur Gûrtrann von ihrer Mutter übergeben bekommen und versuchte stets das beste im sinde des Dorfes zu tun.

Nach einer ruhigen Nacht erwacht Candia in ihrem Bett und streckt sich genüsslich, ehe sie aufstand und auf den Balkon vor den Schlafgemächern der königlichen Familie trat. „Es ist heute wahrlich ein wunderschönen Morgen. Wie es wohl meinem Sonnestern Maryan bei den Amazonen gehen mag?“ Nachdenklich steigt die Weise des Elfendorfes Araglaur Gûrtrann den gewendelten Steg hinunter in den Thronsaal und dann hinaus in das Dorf, um ihren Rundgang durch dieses zu beginnen. Es ist hier so ruhig geworden seit meine werte Mutter, die Königin des Elfenlandes in dieses zurückgekehrt ist und meine ältere Tochter Atalia sie vorübergehend begleitet hat. Auch mein Liebster ist nun schon seit langem auf Reisen, dachte sie still bei sich und betrachtet dabei nachdenklich die Quelle des Lebens, als sie eine Stimme vernimmt. Erschrocken reist sie den Kopf herum und betrachtet die Umgebung, nichts, nicht einmal ein Vogel war zu sehen, was sehr seltsam war zu dieser Jahreszeit. Aber auch die Stimme war nicht mehr zu vernehmen. Irritiert und etwas nervös ging sie wieder in den Thronsaal und setze sich auf den Thron um zu überlegen was dies gewesen sein könnte. Sie erinnerte sich wieder was mit ihrer Mutter damals geschehen war und hoffte inständig das es sich nun nicht bei ihr wiederholte. In Gedanken an ihre Tochter blickte sie aus dem Durchgang des Thronsaals hinaus auf das wunderschöne Dorf.

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