Die Elfe der Einhörner trocknete ihre Tränen. Sie war erleichtert, dass es ihrem kleinen Schatz gut ging, doch genauso geschockt darüber was Junn passiert war.
Xiue rang sich durch wieder einen klaren Gedanken zu fassen, als Candia sie fragend ansah. „Eure Herzen müssen auf besondere Weise miteinander verbunden sein. Vielleicht seid ihr beide Seelenverwandte…oder vielleicht sogar…“ Xiue räusperte sich kurz „vielleicht seid ihr sogar Blutsverwandte. Über deine Vergangenheit ist nichts bekannt und du konntest dich auch bisher nicht daran erinnern. Also es wäre durchaus denkbar. Ob unsere Königin mehr weiß?“
Die Elfe der Einhörner hatte eine Idee. „Nach allem was jetzt geschehen ist, wirst du sicher im magischen Kreis eine Antwort darauf finden. Die Verbindung zwischen dir und Junn ist stark genug, um die Schleier der Vergangenheit zu lüften. Meditiere dort am Feuer und konzentriere deine ganze Energie. Du musst deine Wahrnehmung auf alles was um dich herum geschieht ausweiten, sperre dich nicht dagegen und lass die Energie, die dich umgibt, durch deinen Körper fließen. Ich weiß, dass du es schaffen kannst.“ Xiue schaute stolz in die Augen ihrer Ziehtochter.
„Ich werde mich jetzt darauf konzentrieren, meine Kräfte zu stärken, um für die bevorstehenden Ereignisse bereit zu sein.“ Mit diesen Worten verschwand sie Richtung Haus, um ihre Schriftrolle und den Kessel zu holen.
Die Elfe der Einhörner baute unter dem großen Baum den Kessel auf, legte etwas Holz und Zunder darunter und entzündete das Feuerchen. Das Wasser geriet nach einer Weile in Wallung und Xiue legte genau nach Rezept einige Zutaten hinein, wartete eine Weile und fügte die nächsten hinzu. Da kam die Heilerin Atalia heran und staunte nicht schlecht. „Was für ein Süppchen kochst du denn da?“ fragte sie neugierig.

„Ich braue einen Zaubertrank nach einem alten Rezept. Laut Papyrusrolle verwandelt man sich in ein Wesen, das aus purem Wasser besteht. Ein wirklich mächtiger Verwandlungszauber. Leider wirkt er nur eine halbe Stunde.“ erklärte Xiue.

Die Elfe der Einhörner hielt einige gelbe Blätter mit roten Tupfen in den Händen „Gehören da nun zwei oder drei Blätter hinein? Ich kann die Maßangaben kaum entziffern.“ sprach sie und warf schulterzuckend die Blätter und Pilze hinein.
“Das ist aber sehr gefährlich, wenn du das Rezept nicht genau lesen kannst“ warnte Atalia die Einhornelfe. Die Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Nein, ich muss das Risiko eingehen. Der Schatten ist eine zu große Bedrohung und dieser Zaubertrank wird mir helfen Candia im Kampf zu unterstützen.“ antwortete Xiue mit funkelndem Ernst in ihren Augen.
Langsam begann sich die Flüssigkeit im Kessel von blau nach lila zu verfärben und Xiue nahm einen Becher in die Hand. „Willst du das wirklich trinken?“ Atalia schüttelte verständnislos den Kopf.
„Möchtest du auch einen Schluck probieren?“ Xiue hielt Atalia den gefüllten Becher hin. „Nein, danke.“ entgegnete die Heilerin mit einem verbissenen Lächeln. Die Elfe der Einhörner schaute in die lila schillernde Substanz in ihrem Gefäß und Zweifel krochen in ihr hoch. „Ach was sollst…runter damit!“ Xiue leerte den Becher in einem Zug. Die Flüssigkeit prickelte scharf auf ihrer Zunge. „Urgs! Schmeckt irgendwie verfault.“ die Elfe verzog angewidert das Gesicht.

Beide warteten gespannt darauf, dass etwas passieren würde, doch nichts geschah. „Vielleicht klappt es beim nächsten Versuch“ meinte Atalia schmunzelnd. Sie wollte gerade gehen, als Xiue plötzlich lauthals losrülpste und mit Schwung nach hinten fiel. Atalia drehte sich erschrocken um und rannte zu ihr, um der Wächterin der Einhörner wieder auf die Beine zu helfen.

Xiue war speiübel und stemmte sich auf den Rand des Kessels. Irgendetwas war geschehen. Da sah sie im Spiegelbild das ganze Ausmaß ihrer Verwandlung. Ein erschrecktes Quiecken hallte über den Dorfplatz, das sogar den Kessel zum Dröhnen brachte. Xiues Augen weiteten sich und sie erstarrte mit ihrem Becher in der Hand.

„Bitte erzähl niemandem davon!“ flüsterte die Elfe der Einhörner und verschwand mit einem Male. Nur noch eine Staubwolke war von Xiue übriggeblieben. „Na hoffentlich dauert der Zauber wirklich nur eine halbe Stunde“ seufzte die Heilerin und räumte den Kessel weg. „Xiue und ihre waghalsigen Experimente.“ Kopfschüttelnd und immer wieder herumbrummelnd lief sie zu ihrem Haus, um nach Junn zu sehen.
Xiue hocke missmutig auf ihrem Bett. „Ich sehe aus wie ein aufgedunsener Bratapfel.“ dachte die Elfe ärgerlich. Sie zog die Bettdecke über ihren Kopf und murmelte ein paar Flüche während sie darauf wartete, dass der Zauber endlich nachließ…
Als SandyLee fertig damit war Xiue alles zu erzählen, trank sie gemütlich den Tee und beruhigte sich langsam. SandyLee ging zur Bank an der Bibliothek und setzte sich dort hin um die Sonne zu geniessen und ein wenig zu Ruhen. Das emsige Treiben der Elfen blieb SandyLee allerdings nicht verborgen, vor allem die merkwürdigen Ereignisse um Xiue und den Kochtopf. SandyLee konnte zwar nicht erkennen was da abging, aber es sah schon sehr merkwürdig aus. Plötzlich rannte Xiue los und verschwand in ihrer Hütte. SandyLee sah wie die Heilerin das Gebräu aus dem Topf entsorgte und alles wieder wegpackte. „Schon ein komisches Volk, diese Elfen“ dachte SandyLee und begann ihre Aufzeichnungen zu ordnen und ins reine zu Übertragen. SandyLee beschloss ein wenig zu Ruhen, denn morgen kommt der große Tag. Vorher suchte sie aber nach Candia, welche SandyLee vorher ins Bett schicken wollte.
Candia sah ihre Ziehmutter aufmerksam an, als sie eine Erklärung auf die Frage der kleinen Elfe suchte. Als sie aber erwähnte das sie wohmöglich Blutverwandte waren, stockte Candia vor Überraschung beinahe der Atem. „Wäre es wirklich möglich, das Junn mit mir Verwandt ist?“ schoss es Candia in Gedanken durch den Kopf. Als Xiue ihr dann den Rat gab im magischen Kreis nach antworten zu suchen, überkam das zierliche Wesen die neugierde, denn wie sehr hatte sie sich bis zum heutigen Tage gewünscht gehabt zu erfahren was geschehen war bevor Xiue sie bei sich aufnahm.
Ermutigt durch den stolzen Blick der Elfe der Einhörner machte sich Candia auf den Weg um die Königin zu suchen und sie ihr einige Fragen zu stellen, doch sie war nicht aufzufinden. Daher ging sie mit der Hoffnung auf Antworten zum magischen Kreis. Dort angekommen setzte sie sich und versank, den Blick starr auf das Feuer gerichtet, welches die Lebensenergie darstellte, in tiefe Meditation. Fragend und suchend lies sie ihren Geist streifen. Ohne jede vorsicht öffnete sie ihren Geist und versuchte alle Naturenergien durch sich fliessen zu lassen. Doch es schien ihr als ob alles im Nebel lag. Sie wollte aber nicht aufgeben und versuchte es immer weiter.
Als SandyLee endlich die meisten Elfen soweit beruhigt hatte, so dass sie sich zumindest hingelegt haben um am nächsten Tag ausgeruht zu sein, ging SandyLee in ihr Lager und machte es sich in ihren Fellen gemütlich. SandyLee lag lange in Gedanken bevor sie einschlief. Am Morgen stand SandyLee bereits früh auf und begann mit einigen Elfen mit den Vorbereitungen für die Begegnung mit dem Schatten.Nachdem die Elfen beschäftigt waren fing SandyLee an ein schönes Brot fürs Frühstück zu backen. Es zahlte sich aus, dass die Amazonen über SandyLees Herkunft lange nicht bescheid wussten und sie daher immer wieder mit anderen Aufgaben betrauten. So lernte SandyLee Handwerke wie Backen und Kochen, aber auch unbemerkt ihre Fähigkeit Lampen und Lichtzauber zu erstellen. SandyLee entschied sich 2 verschiedene Brotarten zu machen, ein leichtes für den Morgen und ein etwas stärkeres als Verpflegung für die kommende Nacht. Nachdem die Brote im Feuer waren begann SandyLee eine Notiz für Jasemin zu schreiben, welche Vorräte sie mit ins Elfenland bringen soll damit die Amazonen genug Verpflegung haben. Diese Notiz schickte sie sofort mit einer Brieftaube zu den Amazonen. Als die Sonne sich immer mehr am Horizont erhob begann SandyLee damit die Elfen zu wecken und zu einem ordentlichen Frühstück ans Feuer auf dem Dorfplatz zu holen. annemarie wollte unbedingt am Morgen des evtl. wichtigsten Tages der letzten 100 Jahre eine kleine Ansprache für ihr Volk halten. Bestimmt würden die Amazonen Hoheiten etwas ähnliches machen, daher rief SandyLee die Amazonen die im Elfenland sationiert waren zusammen, damit sie sich gegenseitig Mut zusprechen konnten und ein paar Gebete an Pallas schicken. Gerade für die jungen Krieger die mit in der Gruppe waren hielt SandyLee ein kurze Ansprache um sie zu beruhigen. Dann teilte SandyLee den Amazonen ihre Aufgaben für den Tag zu und schickte sie ebenfalls zum gemeinsamen Frühstück mit den Elfen.
Xiue fühlte sich elend, nicht nur, weil der Zauber schiefgegangen war. Das Rezept war im Grunde genommen unbrauchbar. Mehrere Angaben hatte die Elfe nur mit Mühe entziffern können, andere waren durch die Risse unleserlich geworden. Die Wächterin der Einhörner zitterte. Der Gedanke daran, dass sie noch einmal das Opfer ihrer Experimente werden könnte, ließ sie erschaudern. Es musste einen anderen Ausweg geben. Vielleicht stand etwas in den anderen alten Schriftrollen? Viele waren in einem uralten Dialekt verfasst worden, den Xiue nur mühsam übersetzte. „Das kann ja Wochen dauern!“ die Elfe knirschte mit den Zähnen. Xiue spürte, dass sich etwas im Ablauf der Zeiten veränderte. Ein großer Wandel stand bevor, doch ob zum Guten oder zum Schlechten ließ sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. „Was kann eine Elfe mit dem Herzen eines Einhorns schon ausrichten?“ dachte Xiue verbittert.
Da ließ auf einmal der Zauber nach und sie stieg erleichtert aus ihrem Bett. Gedankenversunken wanderte die Elfe auf und ab. Der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich auf ihrem Medaillon wider. Xiue betrachtete es. In ihrem kleinen Amulett hatte sie schon viele Dinge verstaut. Könnte das die Lösung sein? Die Wächterin der Einhörner hatte eine Idee. Xiue hastete mit ein paar Krügen aus ihrem Haus und verschwand in Richtung Berge. Es dauerte eine Weile, da kehrte sie mit einer zähflüssigen, weißen Masse in ihren Gefäßen zurück. Die Elfe setzte sich in die Sonne und knetete lauter kleine Bällchen daraus. Xiue ließ sie in der Sonne trocknen während sie eine hölzerne Kugel holte. Mit geschickten Händen formte sie aus jedem Ball eine tellergroße Scheibe und umhüllte die Kugel. Xiue blies danach kräftig in jede Hülle hinein und legte sie beiseite. Die Wärme der Sonne verwandelte die Masse in eine haltbare, sehr dehnbare Substanz. Als sie fertig war, eilte sie zum Fluss und füllte die dehnbaren Schläuche mit Wasser und verschloss sie gut.
Am späteren Nachmittag hatte Xiue ihr Werk vollendet und beförderte einen Wasserballon nach dem anderen per Zauberpasswort in ihr Medaillon. „Wir werden ja sehen, ob es eine brauchbare Waffe ist.“ murmelte sie. Mit Hoffnung in ihrem Herzen ging sie zu ihrem Haus. Unter ihrem Bett zog sie eine große flache Truhe hervor. Xiue öffnete sie behutsam. Eine schwarz goldene Rüstung lag darin. Sie bestand aus Mithril, einem silbrig glänzend, sehr robustem Metall, das leichter als Seide war. Die Elfe der Einhörner strich über die glänzende Obsidianlasur und die goldenen Verzierungen, mit der die Rüstung bedeckt war. Xiue wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war, sie anzulegen. Sie war froh, dass die Rüstung so angenehm zu tragen war, aber einwenig unsicher, ob so leichtes Metall auch wirklich gut schützte, wie es in den Legenden immer beschrieben wurde. Ihren Einhornzauberstab befestigte sie auf ihrem Rücken unter den Flügeln und nahm das magische Schild ihres Vaters in die Hand.
Als sie aus ihrem Haus trat, kam Aglardonn, ihr schwarzes Einhorn mit einem Wiehern heran. Mit einem Satz stieg sie auf und beide übernahmen die Abendwache vor dem Haus der Heilerin. Jetzt war ein guter Zeitpunkt, um ihre neue Waffe zu testen. Xiue rief: „Calph thia!“ – ein Ballon erschien in ihrer Hand. Die Elfe umhüllte ihn mit einer Energiesphäre und schoss ihn mit voller Wucht Richtung Lagerfeuer. Platsch! Das Feuer erlosch mit einem Male und einige Spritzer landeten auf Wusel, der sich beleidigt verzog. „Es funktioniert.“ freute sich die Elfe und fasste wieder Mut. Der Tag neigte sich dem Ende, ohne das großartig etwas geschehen war. Xiue legte sich beruhigt in ihr Bett und schlief ein. Am Morgen als sich die Sonne in ihrer strahlenden Pracht erhob, gesellte sich die Elfe zum gemeinsamen Frühstück mit den anderen.
Dunkle Schatten werfen kein Licht. Eine kühle Schwärze umgab Junn. Stimmen wie aus weiter Ferne murmelten immer wieder die selben Silben. Durch den monotonen Sprechgesang klangen grausame Laute an ihr Ohr. Sie spürte wie der Schatten sich näherte. Wollte er sich abermals an ihrem geschundenen Körper berauschen? Ihre Seele schrie auf als die Kälte sie wie ein Dorn berührte. Ihre Lippen formten Worte die sie aber nicht aussprechen konnte. Etwas hinderte sie daran, auch nur einen Laut von sich zu geben.
„Bitte nicht, keine Schmerzen mehr“ In dem Augenblick wo sie die Worte dachte, schämte sie sich ihrer. Sie, die immer so stolz war. Sie bettelte in diesem Augenblick um Gnade. Etwas tastete nach ihren Gedanken. Sie spürte wie sich etwas mit unglaublicher Kraft in ihren Geist eindrang. Sie wehrte sich verzweifelt dagegen aber schließlich gab sie erschöpft auf. Grausame Bilder zogen immer wieder um sie herum. Hellglänzende Wesen mit Flügeln wurden von einer wabernden Dunkelheit aufgesaugt. Kampfgetümmel. Berstend krachten Metallschilde aufeinander. Schwerter, die im Kampf zerbrochen, wurden mit letzter Kraft der dunklen wogenden Masse entgegengestreckt. Bereit, das eigene Leben für die Gefährtin zu opfern.
Sie spürte jede Wunde der blutenden Kämpferinnen an ihrem Körper. Dunkele Gestalten huschten immer wieder umher und stießen gegen die tapferen. Nichts, aber auch gar nichts schien die Meute aufhalten zu können. Der Kreis um die die letzten Kämpferinnen zog sich immer dichter zusammen. In diesem Moment lies der Angriff nach. Plötzlich setzte eine Stille ein, die sich bleiern über die Ebene legte. Nur der keuchende Atem der Kämpferinnen war zu hören. Dann ertönte eine Stimme die alles durchdrang. Jede Faser, jeder Muskel schien unter der Kälte die in dieser Stimme lag zu zucken. „Legt eure Waffen nieder und unterwerft euch. Euer Kampf ist hier vorbei. Ich werde euch leben lassen“ Eine teuflisches Lachen beendetet die Ansprache des Schatten.
Junn schrie in diesem Augenblick laut auf…
Sie schlug die Augen auf und blinzelte. Ihr Atem ging schnell. Sie brauchte eine Zeit um sich zu beruhigen. Sie stellt fest das sie bei der Heilerin lag. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie sich aufzurichten. Erst nach dem dritten versuch schaffte sie es. In dem Moment als sie aufstehen wollte traf es sie wie ein Blitz.
„Nín iell. Nín bereth. Hir en maethor raud. Toltha den da le beria. Durch Zeit und Raum bin ich gekommen um dich zu schützen meine Tochter. Die Zeit ist gekommen, da ich mich dir erklären muss. I elleth Candia lin muinthel. Nur gemeinsam werdet ihr siegen. Aber verberge deine Gefühle so das der guruthos es nicht bemerkt. Ich werde immer bei euch sein. No thala. Dagorath mae.“
Es war schon Abend geworden und immernoch hatte die kleine Elfe Candia keine Antworten gefunden. So entschied sie sich entäuscht ins Bett zu gehen, doch sie schwor sich, sollte sie die morgige Nacht, wenn alles vorbei war, noch leben, so würde sie die Königin fragen. Und nicht eher ruhe geben bis sie alles von ihr erfahren hatte. Müde und erschöpft kroch Candia in die Höhle, denn um jetzt noch in ihr Haus zu gehen war es schon zu spät. Unruhig war ihr schlaf, immer wieder erwachte sie ohne jeglichen Grund.
Am Morgen stand das zierliche Wesen völlig aufgeregt und überdreht auf. Ein Duft von frisch gebackenem Brot stieg ihr in die Nase und lockte sie zum Dorfplatz. Dort waren schon einige ihrer Mitelfen versammelt. Und auch die Hoheit Annemarie war da und versuchte allen Mut zuzusprechen. Mit neuer Hoffnung im Herzen setzte sich Candia zu ihrer Ziehmutter und genoss sichtlich das gemeinsame leichte Frühstück.
Kaum war das Frühstück beendet zerstreuten sich auch schon wieder alle Elfen in die vier Himmelsrichtungen und bereiteten alles für die kommende bedeutungsvolle Nacht vor.
Die kleine Elfe sah dem Treiben zu und Schritt dann zu Junn in das Haus der Heilerin. Die Hand um die Fiole, die sie von Xiue bekommen hatte gelegt, betrat sie das Haus und fragte wie es Junn den gehe. Die Heilerin konnte ihr aber nichts sagen und bat sie drausen zu warten, solange sie neue Kräuter suchen ging.
Wartend und wachend schritt Candia vor dem Haus auf und ab, als sie einen Aufschrei vernahm. Starr vor Angst blieb die kleine, bleich gewordene Elfe vor dem Haus stehen und konnte sich nicht mehr rühren. Erst als alles wieder ruhig wurde und auch Candias Herz wieder langsamer schlug, wagte sie es in das Haus zu tretten.
Samantha lag in ihrem Baumhaus in den Fellen. Es war schon sehr spät, aber trotzdem konnte die junge Kriegerin nicht einschlafen da zu viele Gedanken zu dem bevorstehenden Kampf am nächsten Tag, in ihrem Kopf schwirrten. Eigentlich war sie sehr tapfer aber trotz alledem hatte sie Angst was am nächsten Tag passieren würde. In ihrem Geiste rief sie sich nochmal den Dorfplatz der Elfen hervor, und ging in Gedanken nocheinmal darüber in jeden Schlupfwinkel und kleinste Ritze. Sie hatte den halben Platzt durchquert, als sie in tiefen, traumlosen Schlaf sank.
Als Samantha am nächsten Morgen in der Frühe aufwachte, fühlte sie sich wie gerädert. Sie nahm ein Stück Brot, daß sie in ihrer Hütte liegen hatte, brach ein Stück ab und kaute lustlos darauf herum, während sie auf der Terasse ihres Baumhaus nocheinmal ihren Blick über das Elfenland streifen lies. ‘Dies könnte meine letzte Nacht hier gewesen sein,’ dachte die Amazone so bei sich ‘oder überhaupt meine letzte Nacht’. Fast in Trance saß sie dort eine ganze Weile, bis eine Amazone kam und alle zum Dorfplatz rief, wo die Hoheit der Elfen eine Ansprache halten, wollte.
Nach der Ansprache schnappte sich Samantha einen Rucksack mit etwas Verpflegung und einen Beutel mit Met und machte sich auf den Weg nach Amazonien. Dort angekommen, kniete sie sich vor den Tempel und betete zu Pallas: ‘Pallas, bitte gib den Elfen und uns die Kraft und den Mut, diesen Kampf heute Abend gegen den Schatten zu bestehen’. Die Amazone wußte nicht, ob sie sich das einbildete, aber es war ihr als würde eine Stimme zu ihr sprechen: „Kleine Amazone, habe keine Angst. Ich werde immer über euch wachen“.
Atrista war schon lange wach. Sie war sehr früh an diesem Morgen aufgestanden, hatte ein ausgiebiges Bad genommen, lange meditiert und sich mental auf das heutige Treffen mit dem Schatten vorbereitet. Jetzt stand sie zwischen den Pfosten am Sanctum und schaute über das Land. Frühnebel zog vom Meer in dichten Schwaden durch die Hügel und machte das Land irgendwie geheimnisvoll. Der leichte Wind trug die Brandung des Meeres bis an ihr Ohr. Da waren aber noch andere Geräusche in der Ferne zu vernehmen die nicht typisch waren für einen Morgen in Amazonien. In der Ferne konnte man sehr viele Stimmen hören, das ächzen der Planwagen, Pferde wieherten und dazwischen das Geschrei von Kindern. Atrista wusste, dass dort, hinter den Bäumen sich das Volk versammelt und darauf wartete, dass sie, die Herrin über Krieg und Frieden das Zeichen zum Aufbrach gab. Nicht wenige unter ihnen dürften auch hoffen, dass die Richterin das Unternehmen in letzter Sekunde noch abbrechen würde. Die Älteren der Amazonen wussten noch was es bedeutete wenn die Krieger mit ihrem Tross loszogen. Sie kannten noch den Schmerz der sich laut über das Land erhob als nach Tagen der gleiche Tross wieder zurückkehrte und viele lieb gewonnene Schwestern nicht mehr dabei waren, viele Hütten leer blieben. Wochenlang traute sich niemand die Hütten zu räumen in der Hoffnung die Schwester würde doch noch zurückkehren, hätten erst in den Wäldern ihre Wunden gepflegt und sich dann erst auf den Heimweg gemacht.
Schon viel zu oft hatte Atrista diese Szenen erlebt und jedes mal aufs Neue hatte sie Angst um ihre Schwestern. Im Geiste zogen die Gesichter der Krieger an ihr vorbei die in den letzten Tagen mit ihr zusammen waren, mit ihr zusammen Pläne geschmiedet haben, mit ihr zusammen gegessen, getrunken und gelacht haben. Da war Cindy die besonnene Anführerin, Jadzia und Smaragd die treuen Leibwachen, Samantha die kleine Freche, Florence die Zierliche, Loreena die unkomplizierte und Lebensfrohe, Janina die Ernsthafte, LilithNC die Hochgewachsene, Atrista musste lächeln als sie sich vorstellte wie die Große versuchen würde in den kleinen zierlichen Behausungen der Elfen Deckung zu suchen. Die Bilder der Getreuen vor ihren Augen wollten kein Ende nehmen. Fatae, die Ruhige und Kluge, Tarna die Umsichtige Anführerin der Späher, Leonie die Unauffällige, Sandylee die Unermüdliche. Aber auch viele Gesichter der wichtigen Amazonen ohne die man ein solches Unternehmen überhaupt nicht durchführen konnte. Da war plötzlich das Bild von Mascha der mahnenden Priesterin, Jasemin der gottesfürchtigen Priesterin die gestern noch die Kämpfer gesegnet hatte, Jasemin der frechen Unfreien hier im Sanctum, Mai der schrulligen großen Magierin und Meik die Ehrenfrau die unermüdlich versucht hatte die Sorgen der Amazonen zu mildern. So viele Bilder zogen auf und in Gedanken streichelte Atrista über jedes einzelne Gesicht in der Hoffnung dass alle wieder um sie herum sein würden.
Inzwischen hatten sich die Nebel gelichtet und Atrista wusste, dass sie sich auf den Weg machen musste. Das Volk wartete. Sie schaute sich noch einmal im Sanctum um. Die Königin war heute schon sehr früh abgereist. Sie hatte noch mit Freunden den alternativen Fluchtplan zu besprechen und würde später bei den Elfen eintreffen. Atrista machte sich auf den Weg. Sie nahm den Trampelpfad durch das Dickicht um zu vermeiden, dass sie schon von Weitem gesehen wurde. Sie wollte unbedingt die letzten Meter mit ihren Gedanken alleine sein. Das Stimmengewirr schwoll an und als Atrista hinter einem letzten Baum stehen blieb und über den Platz schaute war ihr Erstaunen groß. Aus dem ganzen Land waren die Menschen gekommen. Es war ein kaum übersehbares Getümmel. Sehr viele lagen sich in den Armen und sprachen sich gegenseitig Hoffnung und Mut zu, dort war metallisches Ziehen zu hören wo die Krieger mit Eifer ihre Klingen schärften, dort das bekannte „blong, blong“ wo ein letztes Mal die Spannung des Bogens geprüft wurde, Kinder liefen unbekümmert und schreiend durch die Massen, Pferde stampften mit den Hufen, weiter hinten sah Atrista einen Haufen alter Weiber die heulend Gebete zum Himmel schickten. Atrista schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Rinde des Baumes und seufzte. Es half nichts und Atrista trat entschlossen aus dem Baumschatten und schritt zu der Erhöhung auf dem Platz von wo sie immer ihre Reden an das Volk hielt. Der Lärm verwandelte sich augenblicklich in ein ehrfürchtiges Geraune. Atrista hatte noch kein Wort gesagt aber allein ihre Erscheinung war es, die Blicke der Menschen vor ihr hingen gebannt an ihren Lippen. Das Geraune nahm ab und wie eine Welle bereitete sich Stille über den Platz. Sogar die Kinder schienen zu spüren dass hier etwas besonderes bevorstand und blieben mitten in ihren Bewegungen stehen. Atrista schaute stumm über die Menschenmenge, es war so still geworden, dass man ein Blatt vom Baume hätten fallen hören können. Atrista versuchte mit so vielen Augen wie möglich Kontakt auf zu nehmen.
„Amazonen, Schwestern“, rief sie unvermittelt über den Platz, „Heute ist ein besonderer Tag, Heute wird eine Entscheidung fallen. Heute wird sich zeigen ob Amazonien so wie wir es kennen weiterhin seinen Platz in der Geschichte hat. Heute schreiben wir Geschichte. Heute kämpfen wir nicht nur darum, dass unser Land uns gehört, Heute schlagen wir keinen Feind zurück der sich anmasst unser Land zu besetzen, Heute holen wir keine Schwestern zurück die von Unwürdigen verschleppt wurden ….. “ Atrista machte eine kurze Pause und fuhr fort, „Heute kämpfen wir nicht für uns, Heute kämpfen wir darum, dass diese Welt auch Morgen noch eine Welt ist wo Menschen leben und regieren, wo Menschen sich freuen, ärgern und lieben, Kinder zeugen und miteinander feiern können. Heute ist ein besonderer Tag und ihr alle seid der Schlüssel für den Fortbestand dieser Welt …… „. Atrista redete sich in einen Rausch und hielt eine Blut und Kampfrede wie sie die Amazonen noch nie gehört hatten. Atrista sah wie im Laufe ihrer Rede die Menschen erst zaghaft dann immer heftiger nickten, wie die Hände sich immer zuversichtlicher um die Griffe der Waffen spannten, hier und da wurden Schwerter gezogen und in die Luft gestreckt und als schließlich alle Krieger ihre Schwerter zogen und mit lautem „klack, klack, klack“ rhythmisch an die Schäfte ihrer Stiefel schlugen wusste sie, dass ihre Rede wie eine Droge zu den Menschen vorgedrungen war. Sie wusste jetzt, dass diese Droge die Angst verdrängte und manchmal hasste sie sich dafür.
Das Klatschen der Schwerter an die Stiefel hallte laut über den Platz und steckte auch die an, die keine Waffen trugen. Da wurde mit Holz auf die Planwagen geschlagen, die Kessel über den Feuern mussten herhalten und die alten Weiber die noch kurz vorher heulten hatten sich an den Händen gefasst und stampften rhythmisch auf den Boden. Atrista lies sie gewähren, sie wusste, jetzt würden diese Kämpfer vor nichts mehr zurückschrecken. Langsam hob sie einen Arm um wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und als sie die Blicke wieder auf sich zog, kniete sie nieder, wühlte mit einer Hand in der Erde, stand auf und lies langsam die Erde aus ihrer Hand zu Boden rieseln.
„Dafür Kämpfen wir auch, für unsere Erde, für unser Land“, schrie sie den Leuten zu und warf den Rest des Sandes in die Luft.
Ein unbeschreibliches Gejohle schallte über den Platz und alles was laufen konnte lief zu den Planwagen um den Tross in Bewegung zu setzen. Atrista nickte der Kriegerin des Feuers stumm zu und gab das Zeichen für den Aufbruch. Eine Weile blieb sie alleine auf dem Platz stehen und schaute den Kriegern nach. Erst als Jadzia ihre Leibwache sie an den Aufbruch erinnerte drehte sie sich um und verschwand wieder im Wald. Sie würde sich in Bälde mit der Königin an einem geheimen Ort treffen ….